Muschelsucher

„Wenn eine einzelne Schwalbe einen
Schatten an ein Fenster wirft,
ist dies der Anfang eines Wortes.
Wenn ein ganzer Vogelzug
über das Meer fliegt und sich darin spiegelt,
dann ist dies der Anfang einer Geschichte.“


Die Geschichte, die ich erzählen will, hat nur am Rande mit dem Meer zu tun. Sicher gibt es am Himmel dieser Geschichte Schwalben, doch auch von ihnen will ich nicht berichten. Es geht um einen Jungen, der noch ganz am Anfang steht.
Er kniet an einem heißen Sommertag gemeinsam mit seinem besten Freund Rico vor einer alten Zinkwanne. Beide starren sie in das klare Wasser. Hinter ihnen auf dem Wäscheplatz nimmt Ricos Mutter einen Korb voll Samstagswäsche von der Leine. Der Junge kann fühlen, wie sie beide von ihr beobachtet werden. Anscheinend haben zwei stille, völlig regungslose Jungen von zehn Jahren etwas Beunruhigendes an sich. Nicht, dass die beiden Freunde tagsüber nicht ausgelassen gewesen wären – sie hatten im Sackteich getaucht und waren mit dem Bau ihrer Bude am Fluss ein ganzes Stück vorangekommen - das war es nicht. Sie knieten vor der Wanne und starrten hinein, weil dort im Wasser ihre mitgebrachten Schätze lagen. Sie warteten. Dabei zeigten sie eine Geduld, die jedem indianischen Fährtensucher zur Ehre gereicht hätte. In der Wanne lag ein Dutzend Muscheln, lebende Mitbringsel aus jenem Teich, in dem die Jungen getaucht hatten. Sie warteten darauf, dass die Tiere ihre Schalen öffnen und ihnen ihr verletzliches, helles Fleisch zeigen würden. Wo bekam man denn sonst schon das Innere einer Muschel zu sehen?
Ich erwähne die Muscheln, weil sie meiner Meinung nach ein gutes Gleichnis für das Wesen der Poesie abgeben. Sie und natürlich auch der Junge, der sich bezähmt und geduldet, bis sich ihm das Geheimnis in seiner ganzen Verletzlichkeit von selbst zeigt. Sicher, er ist in den Teich gesprungen und hat die Muschel aus dem Wasser geholt, kann sie aber nicht gewaltsam öffnen (wenn er ein wahrer Dichter ist, wird er sie nicht gewaltsam öffnen, egal, wie ungestüm er sonst auch sein mag). Ein Schriftsteller tut genau das: Er vollführt zuerst einen Akt, um den Schatz zu bergen und bringt dann die Geduld auf, diesen vollständig zu erfassen, seine Seele zu begreifen. Dann versucht er, das dabei Erlebte in ansprechende Worte zu kleiden.
Wenn sie bis hierhin gelesen haben, wissen sie, dass ich ihnen auf dieser Seite keinen typischen Lebenslauf anbieten werde. Einen solchen habe ich das letzte Mal verfasst, als ich mich im Alter von fünfzehn Jahren um einen Ausbildungsplatz als Kanalbauer bewarb. Zu allem Überfluss bekam ich daraufhin einen Lehrvertrag angeboten, eine Tatsache, der ich damals absolut hilflos gegenüber stand. Hilflos, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich in beruflicher Hinsicht überhaupt werden wollte. War ich nicht schon ein Muschelsucher? Was taten Kanalbauer überhaupt? Ich war noch ein Kind. Aber ein Kind, das Geschichten in seine Schulhefte schrieb.
Um es vorweg zu nehmen: Ich habe die Ausbildung beendet, bekam meinen Facharbeiterbrief und schwor bei allem, was mir damals heilig war, niemals wieder in dieser Branche zu arbeiten. Ich will nicht verschweigen, dass ich auf dem Bau viel Nützliches gelernt habe, besonders im Hinblick auf alles, was man nicht mauern, verlegen oder pflastern kann … Nach der Ausbildung folgte, so könnte man sagen, die schon so oft herbei zitierte Odyssee des jungen Mannes als Ahnungsloser ... Dabei möchte ich es vorerst belassen.
Was gab es sonst noch, außer den Muscheln?
Genau wie alle anderen Jungen habe ich mir beim Spielen die Klamotten dreckig gemacht und gelegentlich die Knie aufgeschürft. Doch es gab auch Zeiten, in denen ich keinen Schritt vor die Tür setzte, weil ich in meinem Zimmer hockte und jene kurzen Tiergeschichten schrieb. Ich sah im Urlaub einen Fuchs am Rande des Zeltplatzes im Müll stöbern und musste mir unverzüglich eine passende Geschichte für ihn ausdenken (er ist einsam und hat nichts zu essen. Deshalb schleicht er im Morgengrauen über den Zeltplatz, und zwar genau dann, wenn ein achtjähriger Junge gerade pinkeln geht …).
Meinem Stoffpinguin Platschi beispielsweise dichtete ich eine Biographie an, die gestandenen Abenteurern wie Mark Twain und Jack London den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte (unter anderem bereiste Platschi die Weltmeere mit einem Amphibienfahrzeug und tötete nebenbei Dracula, diverse Zyklopen, eine menschenfressende Riesenspinne und den Typen, der beim Bau der Ägyptischen Pyramiden so viele Sklaven verschlissen hat …).
Meine ersten literarischen Gehversuche waren Annäherungen an verschiedene Filme; vor allem an die, die ich mir aus irgendwelchen Gründen gerade nicht ansehen durfte. Zum Beispiel King Kong. Der Film lief damals in der besten Sendezeit, was für einen zehnjährigen Jungen, der früh zur Schule gehen musste, eindeutig zu spät war. Also suchte ich an besagtem Abend verdächtig oft die Toilette auf. Dabei kam ich jedes Mal am Wohnzimmer vorbei. Natürlich sahen meine Eltern gerade King Kong. Also blieb ich am Türspalt stehen und warf verstohlene Blicke hinüber zu dem dafür glücklicherweise günstig stehenden Fernseher. Einmal sah ich die wahnsinnig hohe Mauer aus Baumstämmen, welche die Eingeborenen zum Schutz vor Kong, dem Riesenaffen, aufgerichtet hatten. Zudem sollte dem vermeintlichen Monster gerade die schreiende Jessica Lange geopfert werden.
Ich habe an jenem Abend mindestens dreimal am Türspalt spioniert - den Affen habe ich dabei jedoch nicht zu Gesicht bekommen. Aber ich erfuhr alles, was ich wissen musste, am nächsten Tag auf dem Schulhof ... Der Rest blieb meiner Phantasie überlassen.
Was ich sagen will, ist Folgendes: Schreiben hat nicht nur mit besagter Schatzsuche und einer gehörigen Portion Geduld zu tun, sondern auch mit der Bereitschaft, notfalls im Dunkeln stehen zu bleiben, um dem Biest hinter dem Türspalt ins Auge zu blicken. Irgendwann wird es mir schließlich gegenüberstehen, mich inspirieren und antreiben. Und - das ist das Entscheidende daran - jenes Biest wird mir erstaunlich ähnlich sein. Bei dieser Ähnlichkeit handelt es sich um nichts Monströses, sondern um eine Art wilder Unschuld, die gegen ihren Willen an einen ihr fremden, am Ende tödlichen Ort verschleppt wird. Eine etwas düstere Metapher für das Erwachsenwerden.
Ich könnte hier unzählige dieser großen und auch kleinen Initiationen aufführen. All die Tiere, die wir als Kinder beobachtet haben; entweder bei ihren stillen, natürlichen Verrichtungen oder auch beim Sterben, wie beispielsweise einige aus dem Nest gefallene Schwalbenkücken, die wir mit unserer ungeduldigen, blinden Hingabe großziehen wollten. Ich könnte eine Liste von Filmen zusammenstellen. Filme, die mich so erschütterten, dass ich meine uralte, gusseiserne Schreibmaschine auf unseren Küchentisch wuchtete und aufgeregt zu tippen begann. Zuerst Fabeln, dann Horrorgeschichten und schließlich – das war, als ich meinen Facharbeiterbrief bereits eine Weile ungenutzt in der Tasche hatte – Gedichte und Erzählungen. Anders ausgedrückt: „seriöse“ Literatur. Und schließlich sind da noch all die wunderbaren Menschen, denen ich im Laufe der Jahre begegnet bin.
Irgendwann begann ich damit, meine selbstverfassten Werke in der Schule vorzustellen. Es waren handgefertigte Bücher mit einem aufwendig gestalteten Schutzumschlag, herausnehmbarem Poster und der dicken Filzstift-Aufschrift Printed in GDR auf der Rückseite (später ersetzt durch FSK ab 18) … Damit erregte ich einiges Aufsehen. Doch ich war ein Junge aus einer mitteldeutschen Kleinstadt. Aufsehen erregen bedeutete dort, die Menschen dazu zu bringen, sich mit einem hilflosen Lächeln auf den Lippen umzudrehen und einen ohne Schirm im Regen stehen zu lassen, natürlich, ohne dabei auch nur ein einziges Wort über das Wetter verloren zu haben.
Wie auch immer – wenn ich mir nicht gerade die Knie beim Spielen aufschlug oder mich unglücklich in ein Mädchen aus der Nachbarschaft verliebte (Nachbarschaft im Sinne von Nachbarplanet. Ich war der Astronaut ohne Raumschiff), schrieb ich. Zum Lesen bin ich erst viel später gekommen. Ich las alles, was mir in die Finger kam. Welt- und Halbwelt-Literatur, verliebte mich unter anderem in die Werke von Philosophen, Mystikern, Romanciers, Surrealisten und Beatniks - und manchmal auch in eine Frau mit schräg sitzender Baskenmütze auf dem Kopf, die einem dieser Bücher entsprungen hätte sein können. Irgendwann verlegte ich meinen Wohnort nach Leipzig.
Um es kurz zu machen: Im Jahre 2000 veröffentlichte ich mein (offiziell) erstes, schmales Bändchen mit surrealistischen Kurzgeschichten. Ich arbeitete in verschiedenen Jobs und gab nebenbei die ersten Lesungen in Cafés, trat auf Kunstfestivals auf und machte mich schließlich beruflich selbstständig. Weitere Bücher folgten. Der Surrealismus rückte in den Hintergrund; der Drang, Geschichten zu erzählen, die eine übergeordnete, spirituelle Realität vermitteln sollen, ist geblieben. Der Muschelsucher ist auf seine Weise erwachsen geworden. Er lebt für die Kunst (warum, in Gottes Namen, wollen alle Leute als erstes wissen, wovon man lebt? Dreht sich denn immer alles nur um das Nehmen?).
Und sonst? Der junge Geschichtenerzähler hätte nie gedacht, dass er in Zukunft einmal mit nichts als ein paar bedruckten Blättern in der Hand vor mehreren hundert Zuhörern sitzen wird. Nicht einmal, als er mit elf Jahren Elvis-Presley-Fan war und die Nachbarn aus ihren Wohnungen klingelte, um sie zum großen Sandhaufen hinter den Garagen einzuladen - zu seinem ersten parodistischen Bühnenauftritt. Mit einem umgeschnallten Besen als Gitarre und seinem herzerweichend falschem Gesang unterhielt er ein paar Lieder lang immerhin vier Erwachsene und eine handvoll Kinder. Alle hatten Spaß – und der Muschelsucher bekam seinen ersten Applaus. Und das, obwohl seine zuckerwassergestärkte Haartolle in sich zusammen fiel und er bei einem etwas zu heftigen Hüftschwung oben auf der Sandhaufenbühne eine kleine Lawine auslöste, die ihn fast zu Fall gebracht hätte.
Ja. Ich sehne mich noch immer danach, in der fabelhaften Welt der Amelie zu leben. Stattdessen stolpere ich oft bei Nacht über den Mulholland Drive und treffe an dessen Ende stets auf die Schneekönigin aus Andersen’s Märchen. Sie hat für niemanden eine Botschaft, nur die typischen, frostigen Orakelsprüche für all die verlorenen Jungen – die, welche ihr fatalerweise immer wieder Glauben schenken. Sie weist mit einem langen, weißen Finger auf das unbarmherzig glitzernde Diadem auf ihrer Stirn und lacht dabei ohne den geringsten Anflug von Freude. Glaubst du im Ernst, dem hier entkommen zu können?, spottet sie. Glaubst du wirklich, eine verdammte Geschichte kann irgendetwas bewirken? Du jagst einer Illusion nach, Kleiner. Wer bist du denn schon? Und da habe ich die unterkühlte Schöne noch viel kälter erwischt: Ich weiß etwas, was sie nicht weiß. Ich weiß, wer ich bin.
Ich kann gar nicht anders, als die Schneekönigin zu widerlegen, jeden Tag aufs Neue. Manchmal kommt es mir sogar in den Sinn, die alte Zinkwanne aus dem Keller meiner Vermieterin herauf zu holen und mich auf den Weg zum nächstgelegenen Tümpel zu machen, um nach ein paar Schätzen zu tauchen. Ich verbringe ganze Tage vor meinem Rechner (die alte Schreibmaschine funktioniert nicht mehr richtig), werfe hin und wieder einen Blick durch den Türspalt und begrüße den alten King Kong (ja, die Ähnlichkeit ist in mancher Hinsicht wirklich verblüffend). Ich treffe mich mit geliebten Menschen, schlafe manchmal unter freiem Himmel und esse – trotz des Muschelmysteriums – wahnsinnig gern Meeresfrüchte.

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